Der Dom zu Penning

Lucia Schletterer

Fotos: Kurt Schletterer

In der geschichtsträchtigen Kapelle in Penning in Tirol verbarg sich jahrzehntelang ein Geheimnis. Jetzt lüftete es die Kriminalpolizei.

Es beginnt wie in einem Heimatroman: Sechs Bauernfamilien eines kleinen abgeschiedenen Bergdorfes in den Kitzbüheler Alpen bauen Mitte des 17. Jahrhunderts gemeinsam eine kleine Kapelle. Aus den damaligen Briefen an den Erzbischof mit der Bitte um eine neue Glocke geht hervor, es gehe darum „die schadhaften Hochwäder (Anm. d. R.: Hochwäder = Unwetter) etwas zu vertreiben“, außerdem solle das Vieh beschützt werden.

Mehr als 350 Jahre später findet sich das Spurensicherungsteam der Kriminalpolizei in dieser Kapelle ein, um ein Rätsel aufzuklären – doch dazu später. Wir befinden uns am Penningberg, genauer im Penningdörfl, das zur Gemeinde Hopfgarten im Brixental gehört. Generationen von Schulkindern des Penningbergs erleben hier am ersten Schultag ihre erste Schulmesse und feiern jeden Dienstag morgen gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft eine Messe.

Festgeschrieben ist, dass sich je eine Bauernfamilie für ein Jahr um die Kapelle kümmert. Zum Mesnerdienst gehören das Begleiten der wöchentlichen Messe, das zweimal tägliche händische Läuten der Glocke („‚s‘Betläuten“), der Blumenschmuck sowie den Pfarrer nach der Messe mit einem Frühstück zu versorgen. Die Älteren erinnern sich noch: Früher wanderte der Pfarrer am Vorabend der Messe zu Fuß vom Tal herauf, übernachtete bei einem Bauern, hielt nach der Messe die Religionsstunde in der angrenzenden Volksschule und wanderte nach dem Frühstück wieder bergab.

Der Bauer und heutige Obmann des Kircherlvereins Michael Sieberer erzählt von der alten Redewendung: „Der Pfarrer, der Bock und der Stier wechseln in Penning jedes Jahr das Quartier.“ Das heißt, alle kümmern sich abwechselnd um den Pfarrer und aufgrund sparsamer Zeiten gab es früher auch nur einen Bock und einen Stier für das ganze Dorf, genauso wie zum Beispiel nur eine Waschmaschine für alle Haushalte. Inzwischen hat sich einiges geändert: Der Herr Pfarrer kommt mit dem Auto, Waschmaschinen gibt es in jedem Haushalt und das Läuten übernimmt die Technik.

Im Jahr 2006 die große Nachricht: die Kapelle muss restauriert werden. Die Mauern sind feucht. Doch viel aufregender ist: unter der weißen Farbe sollen Malereien und Fresken verborgen sein. Diese wurden bei einer Renovierung in den Siebzigerjahren ganz pragmatisch mit weißer Dispersionsfarbe übermalt. Es muss schnell etwas passieren, sonst drohen die darunterliegenden Fresken buchstäblich zu ersticken. Hierfür wird ein Experte engagiert: Josef Miosek, ein Restaurator aus Brixlegg. Er hat schon viele Kirchen und Kapellen in der Gegend restauriert, aber das Penninger Kircherl macht es ihm nicht leicht: Er probiert fünf verschiedene Techniken aus, um die weiße Farbe von den Wänden zu bekommen, ohne die darunter liegenden Malereien zu beschädigen. Nichts funktioniert, bis gewiss ist: Es geht nur durch behutsames, millimeterweises Abkratzen. Die Kosten scheinen zu explodieren, doch die Leute im Dorf sind findig, um finanzielle Mittel aufzutreiben: Ein Weihnachtsbasar im alten Stall des Rieserbauers wird organisiert, der Sportverein veranstaltet ein Benefiz-Rennen, der Erlös vom Maibaum- und Nikolausfest wird gespendet und es gibt eine Haussammlung. Auch das Denkmalamt und die Erzdiözese Salzburg unterstützen das Projekt fachlich und finanziell. Währenddessen arbeitet sich der Restaurator Millimeter um Milli-meter vor. Siehe da, schön langsam kommt der Untergrund zum Vor-schein. Nur an einer Stelle hakt es. Ein Schriftzug an der Decke lässt sich partout nicht entziffern. Helfen kann am Ende nur die Polizei – das Spurensicherungsteam rückt an und mithilfe kriminologischer Technik können die Buchstaben lesbar gemacht werden: „Heiliges Kreuz du Hoffnung mein, sei mir gegruest im Sigesshein“. Somit ist auch klar, die Kapelle wurde ursprünglich dem Heiligen Kreuz geweiht, dieses Kruzifix aus Holz hängt heute noch links vom Altar.

Das fertige Ergebnis – circa zwei Jahre später – übertrifft alle Erwartungen. Josef Miosek hat Groß-artiges geleistet: Barocke Fresken in Verbindung mit Stuckatur im Kirchenschiff, Schablonenmalerei mit Farben aus der Natur, Heiligenbilder, Symbole und Muster ergeben ein farblich und ästhetisch so stimmiges Ganzes, das man gar nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll. Die Bänke sind aus über hundertjährigem Altholz neu gestaltet und den Boden ziert ein echter Kramsacher Marmor. Die Kapelle hat inzwischen den Spitznamen „Dom zu Penning“ be-kommen, denn man hat das Gefühl, das Wort Kapelle treffe es nicht mehr so ganz. Es ist einer dieser Orte, bei denen man ehrfürchtig wird ob der Schönheit, der man gegenüber steht.

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