Aus zwei mach eins

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Zwei Brüder haben ihre Handwerkskünste vereint. Aus Metall und Stein fertigen sie Möbel – Einzelstücke allesamt.

Von draußen, aus dem benachbarten Garten, winkt ein Apfelbäumchen durch die verglaste, leicht angestaubte Werkstatt-Tür. Jetzt im Herbst trägt er knallrot leuchtende Früchte und scheint sagen zu wollen: „Jungs, macht mal Pause, schnappt Euch jeder einen Apfel und gönnt Euch ein paar Vitamine!“ Manuel und René Schindler haben sich ein wahrlich lauschiges Fleckchen ausgesucht, um ihrem Handwerk nachzugehen. Apfelbaum und Werkstatt stehen in Babensham, einer nordöstlich von Wasserburg im Landkreis Rosenheim gelegenen Gemeinde. Gegenüber garantiert rechterhand ein Gasthaus, dass die beiden Brüder mittags etwas Warmes in die Mägen bekommen; linkerhand stünde eine Kirche für Stoßgebete zur Verfügung. Nötig haben sie den göttlichen Beistand bislang glücklicherweise nicht – obwohl der Schritt in die Selbstständigkeit der berühmte Sprung ins kalte Wasser war.

2015 packten Schindlers die Chance kurzentschlossen beim Schopfe. Sie bekamen spitz, dass die Räumlichkeiten, die zuvor eine Keramikwerkstatt beherbergt hatten, zu vermieten seien – und schlugen zu. Die Fenster vernagelt, der Bodenbelag brüchig, in jeder Ecke Gerümpel: Um den Charme der Bruchbude zu erkennen, bedurfte es schon einer gehörigen Portion Fantasie. Zumal sie zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so recht wussten, was genau sie in dem Gemäuer zu tun gedachten. Also misteten sie aus und renovierten unter der Prämisse: „Wir wollten schon immer zusammenarbeiten, der Rest wird sich fügen.“

Heute können Manuel und René mit Fug und Recht behaupten: Es hat sich sowas von gefügt! Der Geistesblitz lautete letztlich, das jeweils erlernte Handwerk einfach in einen gemeinsamen Topf zu schmeißen. In Manuels Fall handelt es sich um die Metallgestaltung. Der 28-Jährige hat vor der Gründung von „Metallstein Schindler“ neun Jahre im Kirchenbereich gearbeitet und seine Ausbildung nicht nur als Meister, sondern auch als Landessieger Bayerns sowie dritter Bundessieger im renommierten Innungs- und Handwerkskammern-Wettbewerb „Die Gute Form“ abgeschlossen. René, zwei Jahre älter, ist ursprünglich gelernter Ofenbauer. Doch nachdem die Werkstatt noch zu seiner Gesellenzeit hatte schließen müssen, sattelte er um – zum Steinmetz.

Beide Materialien, Stein und Metall, verarbeitet das Duo nun zu hochwertigen und langlebigen Einrichtungsgegenständen für drinnen und draußen. Möbelstücke, die ihre Besitzer durch Individualität und Exklusivität begeistern. Denn den Gebrüdern gelingt es, die massiven Werkstoffe so zu kombinieren, dass das Endprodukt leichtfüßig und elegant wirkt – selbst wenn es hunderte Kilo auf die Waage bringt. Badregal, Kubus für eine Stereoanlage, Stühle, Sitzbänke, Wohnzimmertisch, Esstisch: Nicht selten lassen sich die Tüftler auch findige Extras einfallen, die dem jeweiligen Möbel noch mehr Funktionalität verleihen. Als illustres Beispiel darf jener Ess- oder Konferenz- oder Gartentisch mit den spaltrau bearbeiteten Schieferplatten gelten, der Dank acht seitlich gesetzter, herausnehmbarer Eisenzylinder trotz seines insgesamt beachtlichen Gewichts relativ leicht zu transportieren ist.

Weitere Beispiele für den überbordenden Einfallsreichtum von Manuel und René lassen sich im inzwischen reich bestückten Ausstellungsraum beäugen. „Der Materialmix eröffnet uns ja schier unendliche Möglichkeiten“, freuen sich die Möbelbauer. Das beginnt bei der Auswahl des Rohstoffs (Kalkstein, Marmor, Travertin oder Schiefer? Brünierter Stahl oder Edelstahl?), geht über die Oberflächenbehandlung (geschliffen, poliert, antikisiert, gestockt, spaltrau, gesandelt, getrommelt, beflammt?) und endet bei Form und Funktion. Bevor eine neue Errungenschaft das Licht der Welt erblickt, verbringen Manuel und René viele Stunden und Tage in der eingangs erwähnten, rücklings der Ausstellung liegenden Werkstatt.

Mittig thront ein massiver Stahltisch, an dem Manuel die Schweißarbeiten durchführt. Ein Vorhang trennt den Raum von der selbst konstruierten „Schleifkammer“. Ihr Clou: der ringsum verlaufende „Wasserfall“ zur Staubabsorption. Hier poliert und schleift René Edelstahl- oder Steinflächen. Ganz aktuell arbeiten die Brüder an einem mannshohen Stahlregal. Wie so oft eine eigene Entwicklung. „Wir setzen aber auch individuelle Kundenwünsche maßgeschneidert um“, betonen die Handwerker, die mit dieser Firmengründung offensichtlich ihre Berufung gefunden haben. Wenn Opas altes Kofferradio am Fensterbrett vor sich hin dudelt, merken sie oft gar nicht, wie schnell so ein Tag vergeht. Da kann der Apfelbaum da draußen noch so locken: Metall und Stein schlagen Vitamine!

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