Augenzwinkernder Rachefeldzug

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Das „schräge Mühldorfer Jagdmusseum“ lässt die Wortakrobatik und den anarchischen Humor Karl Valentins wieder aufleben.

„Ich hab als Bua schon g‘sponnen“, sagt Hans Kotter, nachdem er uns an seinen Küchentisch dirigiert hat. Wie zum Beweis, dass er auch noch als fast 80-jähriger Unruheständler nur Blödsinn im Dickschädel gebiert, platziert er ein güldenes Gefäß neben das Kaffeeservice. Dies, erklärt er ohne mit der Wimper zu zucken, sei seine bereits befüllte Urne. Spätestens jetzt würden wir ihn für verflucht verschroben erklären, wenn er uns nicht zuvor ähnlich provokant durch sein „schräges Mühldorfer Musseum“ geführt hätte – ja, bewusst mit doppeltem „s“ geschrieben, weil, sagt der Gründer, man es gesehen haben muss! Und was man hier zu sehen bekommt, hat mit gewöhnlichen Ausstellungshäusern und ihrer oft pastoralen Atmosphäre wenig zu tun.

Beim Kotter Hans halten Anarchie und Humor die Zepter in der Hand. Ein Humor, der die gesamte Spannbreite von feinsinniger Satire bis zum brüllenden Klamauk abdeckt. Das Spektakel beginnt schon draußen, vor der Türe. Da glotzt ein Alien von einem Mauervorsprung herunter oder prangt ein Beton-Hintern aus dem Trottoir. „An dem geht mir so Einiges vorbei“, erklärte uns der ehemalige Mühldorfer Stadtrat gleich zur Begrüßung; damit macht er Besuchern gleich klar, welches Stündlein ihnen nun schlägt.

Ins Leben gerufen hat der Kotter Hans sein Kuriositätenkabinett im Jahre 1998. Wie es dazu kam, das zeichnet ein schönes Bild von diesem Mann, der sich zeitlebens „nix g‘schissen hat“, wie man hierzulande so schön sagt. Diese leicht revolutionäre Ader, die brach sich wohl schon in jungen Jahren Bahn. In Kotters guter Stube hängt das Zeugnis, das ihm nach dem Wehrdienst ausgehändigt wurde. Darin bescheinigt das Gebirgs-Jäger-Bataillon dem Gefreiten durchaus gute Leistungen – zu gebrauchen sei der Kerl aber nur in Bayern, steht da Schwarz auf Weiß, seiner dialektgebundenen Aussprache wegen. Sich anpassen, klein beigeben? Nicht Kotters Ding. Tja, und wenn sich zu jener lausbübischen Nonchalance ein geradezu unbeugsamer Gerechtigkeitssinn gesellt, dann eröffnet ein Bäckermeister halt kurzerhand ein „Jagdmusseum“; das obendrein nur ein Ziel verfolgt: literweise Spott auszugießen über die Zunft der Waidmänner. „Was haben die ihm denn getan?“, wollen wir wissen. Und erfahren stante pede: „Die Hunde eines guten Freundes haben‘s über den Haufen geschossen!“ Damit die Unholde nicht ungeschoren davon kämen, organisierte Kotter eine ursprünglich als einmalige Angelegenheit gedachte Ausstellung im „Haberkasten“, eines der ältesten und bekanntesten Kulturzentren der Region. Blöderweise stießen seine Sticheleien auf rege Resonanz, das „ganze Graffl“ wegzuschmeißen wäre überdies ein Frevel gewesen. Also sammelte und bastelte er einfach weiter, bis er den Bäckerkittel schließlich an den Nagel hängen musste, um umzusatteln. Schweren Herzens, denn 1963 habe in jenem gleich gegenüberliegenden Café der „ganze Blödsinn“ dereinst begonnen, wie der Kotter Hans es ausdrückt. In dem Fall meint er mit Blödsinn, dass es ihm dereinst nicht zu blöd gewesen ist, ein komplettes Bauernhaus aus Passau nach Mühldorf zu verfrachten, um besagtes Café damit einzurichten. Wie gesagt, ein Unikum, schon immer, der Kotter Hans! Vielleicht hat ein Lehrer dem Knaben deshalb an den Kopf geworfen, er werde sich später nicht einmal das Salz in der Suppe leisten können. An diesen Lehrer, sagt unser Gastgeber grinsend, habe er sich als Bäckermeister immer wieder gern erinnert. Anders als von jenem Schmalspur-Propheten vorausgesagt, konnte sich Kotter in seiner Backstube schließlich regelrecht suhlen in Salz.

Doch zurück zum Musseum: Über 200 Exponate allein zum Thema „Jagd und Jäger“ hängen, stehen oder liegen inzwischen auf drei Stockwerken herum. Das Sammelsurium erinnert bewusst an Karl Valentins an Nonsense kaum zu überbietende Ausstellung „Panoptikum“. Beide, das Münchener wie das Mühldorfer Original, beherrschen die Kunst der Zweideutigkeit, das Spiel mit den Tücken der deutschen Sprache. Erst die Titel der Exponate machen ja Kotters Basteleien zur Kunst – auf die Spitze getrieben in einer Art „Rehtrospektive“ zum Thema Reh. Da reiht sich ein Reh Noir an den Rehkrut, der wiederum einer Hurreh schöne Augen macht...

Im Laufe der Zeit scheint der auch als Zauberer und Jazzmusiker umtriebige Tausendsassa dann doch eine Art Waffenstillstand geschlossen zu haben mit den vermaledeiten Jägersleuten. Längst tummeln sich auch Skurillitäten weit ab von Wild und Wald in, um und an dem über 500 Jahre alten Gebäude am historischen Stadtplatz – ja sogar drunter. So scheuchte uns der Schelm vor dem abschließenden Kaffeekränzchen über eine schmale, knarzige Holztreppe hinunter in die „Katakomben“ des ehemaligen „Sebastian Hauses“. Hier hat der Kotter Hans den obligatorischen Wein- zum Lachkeller umgebaut. Bei näherer Betrachtung erweisen sich die beiden Räume indes als Gruselgruft – die als kleinste Bühne Bayerns schon so manch munteres Konzert beherbergen durfte; vermutlich tropft der Schweiß von der Decke, wenn hier unten auf engstem Raum Bands wie Django 3000 vor 18 Zuschauern (plus Gespenst) einen aufspielen.

Die eigenen Instrumente lagert Kotter ganz oben, über den Museumsräumen. Seine selbstgebaute Ein-Mann-Kapelle etwa, oder das E-Piano, an das sich der leidenschaftliche Jazzer sogleich setzte, um sein Können zu demonstrieren. Hier oben, neben Instrumenten, neben echten Drucken namhafter Künstler und Karikaturisten wie Christo, Beuys, Janosch oder Deix, wohnt auch eine Statue des großen Vorbilds Karl Valentin. Der Wortartist und Sprachakrobat dürfte seine helle Freude haben an seinem Wiedergänger und Bruder im Geiste.

Jagd-Musseum
Stadtplatz 82, D-84453 Mühldorf am Inn, T: +49 (0)8631 15109

Öffnungszeiten:
Mittwoch, 14 - 18 Uhr
Jeden ersten Samstag im Monat, 14 - 17 Uhr
Gruppenführungen jederzeit auf Anfrage

Zurück