Kurztrip ins Kleinwalsertal

Christian Topel

Fotos: Christian Topel, Kleinwalsertal Tourismus eGen, Hotel Alte Krone

Schon ein Scherzskeks, der Winter. Gebucht hatten wir das "Wellness-Wochenende" vor ein paar Wochen. Weil die Straßen damals so trocken waren wie ein Martini von James Bond, wählten wir das Kleinwalsertal als Ziel. Von Rosenheim aus ca. drei Stunden fahren, dafür garantiert Schnee, dachten wir uns. Am Hinreisetag türmten sich die Schneemassen natürlich längst bayernweit. Hat Väterchen Frost auf seine alten Tage doch noch seinen Sinn für Humor entdeckt. Haha. Dass wir die vom Googleschen Routenplaner ursprünglich berechnete Fahrtzeit nie und nimmer schaffen würden, war damit auch klar. Wenn in unseren Breitengraden überraschenderweise Schnee fällt, verfallen viele Autofahrer ja in eine Art Schockstarre. Also: im Schneckentempo gen Südost.

Dieses rund 12 Kilometer lange Kleinwalsertal ist übrigens eine kuriose Gegend. Zwar gehören die drei Orte Mittelberg, Hirschegg und Riezlern zum österreichischen Bundesland Vorarlberg, hin kommt man allerdings nur von deutscher Seite her (via Oberstdorf). Die Topografie der Allgäuer Alpen lässt keine direkte Straßenverbindung von Österreich zu. Jene enklavenartige Lage hat dem auf 1.000 bis 2.533 Metern gelegenen Tal zu einem wirtschaftlichen Sonderstatus verholfen, der  einige skurille Blüten treibt: Dass Dinge wie Strom, viele Waren und die Post nur aus Oberstdorf zu beziehen sind, mag ja noch angehen. Die Gegend hatte aber lange sogar deutsche Telefonnummern und Postleitzahlen! Man konnte also Briefe und Postkarten zum Inlandstarif nach Deutschland schicken – aber genauso zum österreichischen Inlandstarif nach Österreich. Als die deutschen Postleitzahlen 2006 abgeschafften werden sollten, stiegen die Walser – Nachfahren von Bauern aus dem Schweizer Kanton Wallis – auf die Barrikaden. Ergebnis: Heute hat halt jeder zwei Postleitzahlen.

So richtig kompliziert gestaltet sich das Leben von Polizei und Soldaten. Das zuständige Gefängnis liegt in Feldkirch in Vorarlberg, ist also wieder nur über Deutschland zu erreichen. Wird nun ein deutscher Verbrecher gefasst, darf er nicht mit dem Auto – also über Deutschland – ins österreichische Gefängnis gebracht werden. Ehe Straftäter hinter Gitter kommen, "genießen" sie einen Freiflug mit dem Hubschrauber. Kleinwalsertaler Wehrpflichtige sind dafür Meister im An- und Auskleiden. Sie dürfen, aus ihren Kasernen kommend, nämlich nicht in Uniform nach Hause fahren. An der Grenze zu Deutschland heißt es: Uniform aus! Erst in der Heimat dürften sie sie wieder anlegen...

Der Running Gag unserer Anreise lautet: Unbedingt bei der nächsten Tankstelle rausfahren, wir brauchen Frostschutz für den Diesel. Der soll ja ab -20 Grad einfrieren, dann springt die Karre nicht mehr an, heißt es. Und so kalt war es zuletzt locker. Wegen der Sonntagsfahrer rund um München sind Hunger und Durst allerdings schon viel größer, als wir weit – infolgedessen wir den Tankstopp letztlich vergessen. Was soll´s, sagen wir uns, als wir das Auto am Hotel "Alte Krone" auf dem Parkplatz verstaut haben. Zur Not hängen wir halt einen Tag an. Schließlich entpuppen sich die Gastgeber als herzig, das Zimmer als gemütlich und der Ausblick als bombastisch.

Die "Alte Krone" ist ein familiengeführtes 3*S Hotel mit 52 Zimmern und einer bis 1893 zurückreichenden Tradition. Vom Wellness-Bereich aus hat man einen traumhaften Blick ins Gebirge. Da muss man sich regelrecht zwingen, nicht den ganzen Tag seine Bahnen im Schwimmbecken zu ziehen oder sich in der Sauna ledrig zu schwitzen. Gut, der Teil des Ausflugs war ohnehin erst für Samstagnachmittag geplant. Jetzt hieß es nur, schnell frisch machen und ab ins Restaurant! "Verwöhnpension", das hieß schließlich, dass abends ein dreigängiges Menü auf uns wartete. (Zur Wahl stand jeweils ein Fleisch-, Fisch- oder vegetarisches Gericht.) Der Kellner hatte vermutlich noch nie das Vergnügen mit Rosenheimern, jedenfalls brachte ihn unser Durst leicht ins Schwitzen. Dafür war er ein aufmerksames Kerlchen. Anderntags mussten wir die Verdauungsschnaps-Runden gar nicht mehr explizit ordern. Guter Mann! 

Der nächste Morgen: ein Traum in schneeweiß, ein Schädelweh in a-Moll. Aber hilft ja nix. Wenn die Natur ruft, dann hat man zu hören. Glücklichweise dient die Zimmer- gleichzeitig als Gästekarte und berechtigt zum Beispiel zu kostenlosen Busfahrten. Wir entscheiden uns, den Skifahrern auf den 128 Pistenkilometern der Skigebiete Kanzelwand-Fellhorn, Walmendingerhorn, Ifen und Talskigebiet (mit Heubergarena) nicht im Weg herumzurutschen, sondern eine Wanderung zu unternehmen. Etwas weiter unten liegt die Breitachklamm, die tiefste Felsenschlucht Mitteleuropas, die sich im Winter in eine so spektakuläre Eislandschaft verwandelt, als hätte Prinzessin Elsa aus Disneys "Frozen" einmal reingehustet. 

Unser rund halbstündiger Spaziergang führt vorbei an erstarrten Wasserfällen, gewaltigen Eisvorhängen und Eiszapfen so lang und dick wie Straßenlaternen. Für die 4 Euro könnte man auch verschiedene Rundwanderwege gehen oder von der Klamm zur Söllereckbahn. Im Winter wird abends sogar eine Fackelwanderung angeboten! Wir wärmen uns statt am offenen Feuer lieber bei ein paar Tee mit Rum in dem Gasthaus an der unteren Bushaltestelle (Tiefenbach). Nur ned abreißen lassen, an so einem "Wellness-Wochenende"! Um wieder ins Hotel zu kommen, müssen wir dann erst nach Oberstdorf tuckern, um dort in den Walserbus umzusteigen. Die Fahrt dauert zwar ein wenig, aber der Anblick von Skifahrern, die in ihren sperrigen Schuhen und mit ihren Brettern in der Hand umständlich hinein- oder hinausscheppern, entschädigt durchaus.

Endlich: Stippvisite in der Sauna, um sich dann tiefenentspannt den Kindle auf den morgenbemantelten Bauch zu legen. Weggeschnarcht? Wir? Niemals! Das Abendessen wird wieder zu einem kleinen Gelage. Ganz lieb: die Küche hat kein Problem mit dem Sonderwunsch nach einem Kinderteller "Biene Maja". Ja mei, manche Menschen ziehen ein Schnitzel der Gänsebrust vor – obwohl die sehr gelungen war! Das Hotel selbst hat keine Bar, aber gleich ums Eck lag die "Hirschbar". (Weiter unten, direkt auf einer Plattform an der Talstation der Kanzelwandbahn, läge übrigens die angeblich größte Schirmbar Österreichs. Nur so als Tipp für Freunde des Après-Ski.) Viel los ist nicht, aber als Bayer beschießt man so einen Ausflug mit einem Bier unter Gleichgesinnten. Das muss dann aber auch reichen, schließlich heißts gleich nach dem Frühstücksbuffet: Abfahrt nach Hause. Vorher aber ein Gebet: Lieber Gott, bitte lass es nicht unter -20 Grad kalt werden. Du weißt, wir haben den Frostschutz vergessen...

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